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La Paz

und wieder bin ich ganz Feuer und Flamme, als ich mich der Stadt der Staedte naher. Da liegt er schon vor mir der Kessel, in seinem Grund brodelt das pure Leben. Zwischen modernen Haeusern, die trotz ihrer enormen Hoehe, leider nicht den Himmel erreichen, befinden sich die endlosen Maerkte; es wird geruehrt und geruehrt, niemlas kommt die Stadt zum Stillstand. Die Waende des Kessels hinauf draengen sich die Armenviertel, Haeuser die sich zu falten scheinen, so dicht bis zum Rand, wo die Berge in abstrakten Formen auf sich aufmerksam machen. Dann und wann laesst die Sonne ihren Schnee in Blut verwandeln, was den Anschein erweckt, dass dieses vom Mond herruehrt, der auf der hoechsten Spitze steckt. Aufgespiest schreit er lautlos, die Sterne leuchten um Hilfe.
Ich beziehe mein Zimmer ueber dem Hexenmarkt, hinter der Tuer nebenan finde ich meinen alten Freunde wieder:die Strassenkuenstler mit denen ich vor einem Jahr rumgereist bin. Das Fest ist so gross wie der Zufall. Die Welt ist zusammengeschrumpft , ich trage ihren Inhalt in einem kleinen Flaeschchen,durch mein Fenster angeln wir grosse Flaschen Rotweins, der Besitzer des Hauses ist ein strenger, deswegen werden wir zu Schmugglern...                                 

1 Kommentar 1.6.07 02:10, kommentieren

Tarija

Ueber nacht geht es von La Paz aus nach Tarija. Morgends erwache ich im Outback von Australien, dies jedenfalls sagt mir der Blick aus dem Fenster:wir befinden uns mitten in einer roten Steinwueste. Die Strasse "ausser Betrieb", es geht "quer Wueste ein", statt Kaenguruhs schauen mich zwei Esel verschlafen an, selbst vor einem See schreckt der Busfahrer nicht zurueck, mit Anlauf wird durchgeprescht.
In Tarija trifft mich dann der Schlag: es ist kalt, die Leute kommen mir mehr europaeisch wie suedamerikanisch vor, die Haeuser spiessig, zu viele Baeume ueberall. Ich laufe durch endlose Aleen und weiche dem leeren Blick von stolzierenden Menschen aus. Immer wieder stelle ich mir die Frage, ob ich auch wirklich noch in Bolivien bin. Ploetzlich laufen die Traenen, ich gebe mir keine Muehe sie aufzuhalten, dass hatte einfach schon zu lange gefehlt: "das Weinen".
Heute dann gebe ich Tarija eine zweite Chance, die Sonne hilft mir dabei, dass ich es mit anderen Augen sehe: es ist warm, wie in einer  lauen Fruehlingsnacht, sitze im T-Shirt in einem Palmenpark,  Lieder klingen aus Lautsprechern, Goldengel speien Wasser in Springbrunnen, ein foeniger Wind nimmt die Tropfen auf und zerstaeubt sie bis zur Aufloesung. Rote Blueten scheinen gerade erst aufgeplatzt zu sein, Zitronen haengen schwer, gelb an tiefgeneigten Aesten.
Ueber Mittag bin ich bei einer Familie von einer Bekannten aus Lima eingeladen. An einer riesigen Tafel werde ich empfangen. Zuerst habe ich Muehe mich mit Messer und Gabel nicht allzu dumm anzustellen. Als Hauptmenue: Gemuese in Weinblaetter gehuellt, dazu eingelegtes Knoblauch und knallbunte Cocktails mit Pfefferminze verfeinert. Am Ende der Tafel, die Mutter meiner Bekannten, eine Kinderbuchschriftstellerin. Angeregte Gespraeche ueber Literatur und die Notwendigkeit des Schreibens entstehen, ab und zu schweift mein Blick ueber antike Moebel, Gedanken haengen wie Wolken ueber uns, platzen auf und wir machen uns ueber ihren Inhalt her, Ideen treiben uns immer weiter. Da ist er wieder dieser Hunger nach dem Nachdenken, dieses Gespraech saettigt mehr wie das gesamte Dreigaengemenue. Ich fuehle mich komplett und ausgefuehllt, erneut mache ich mich in die Stadt auf. Alles transformiert sich: duestere Aleen werden zu exotischen Plantagen, die spiesigen Haeuser zu vornehmer, feiner Architektur, die leeren Gesichter nehmen Ausdruck an...Winter ist Sommer geworden. Noch immer fuehle ich mich nicht wie in Bolivien, in Italien vielleicht, was ich aber durchaus akzeptieren kann. Ich kaufe  mir frisch, gepressten Orangensaft und verlaufe mich aus dem puren Genuss des Entdeckens herraus, an jeder Ecke schluerfe ich kalte Erdbeersahne. Der Freund meines Onkels erwartet mich morgen auf seiner Farm.
Der Stimmung schreibe ich derzeit die groesste Kraft zu, ist sie doch tatsaechlich in der Lage Staedte zu verwandeln.

1.6.07 02:53, kommentieren

Rio Negro mit Zahnschmerzen

In Rio Negro angekommen beginnen die Zahnschmerzen.
Nachts betaeube ich sie mit diversen Schmerzmitteln, des tags erwache ich in eisigen Glasgaerten. Es ist verdammt kalt, auf den Baeumen ist das Wasser zu Kristallen gefroren.
Hoch oben in den Bergen hat Toni seine Farm, er ist vor zehn Jahren mit einem Aufforstungsprojekt nach Bolivien gekommen. Ich wohne etwas unterhalb in einem Tagungsraum. Alles ist sehr abgelgen und still, fuer mich fast unertraeglich. Allein die Einsamkeit ist nicht mein Feind aber die Kaelte macht sie dazu. Die Schmerzen wachsen ueber mich hinaus, das Schweigen verfaengt sich in Tropfen an meinem Fenster, Gedanken ertrinken in der feuchten Luft, ich habe das Gefuehl, fur immer in dieser modrigen Leere gefangen zu sein. Die Gitterstaebe formen die Baeume, die Berge druecken auf mein Gemuet, im Garten gaehnen verwilderte Grabsteine, die Nachbarn zu schuechtern um meinen Gruss zu erwiedern.
Als ich am dritten Tag nach Tarija zurueckkehre um einen Zahnarzt aufzusuchen empfinde ich das als grosse Befreiung.

11.6.07 01:31, kommentieren

Stimmungen aendern sich oder im Leben ist viel, viel, viel Wunderbares

In Tarija lerne ich Isabel kennen, bei der ich die drei Wochen, waehrend der Zahnbehandlung wohne. Sie lebt zusammen mit ihrem Hund "Deutschland". Seit vielen Jahren bin ich die erste Person mit der sie spricht, da sie sich nach dem Tod ihres einzigen Sohnes sehr zurueckgezogen hat. Wir werden Freunde und lernen unglaublich viel voneinander. Sie macht mir die Politik hier verstaendlich, wir diskutieren ueber Gott und die Welt und sie verstaerkt mich darin den Weg meines Herzens zu gehen.
Tagsueber helfe ich Kindern/Jugendlichen in einem Kinderheim bei ihren Hausaufgaben. Das Internat ist ein Zufluchtsort fuer Kinder die auf der Strasse arbeiten muessen. Schon sechsjaehrige verkaufen Bonbons, waschen Autos, putzen Schuhe... Im Internat duerfen sie wieder Kind sein, koennen die ewige Sorge ums Ueberleben vergessen.
Auch sie haben ein Recht in die Schule zu gehen. Es gibt gezielte Hilfe fuer Kinder mit Lernschwierigkeiten, aber auch Kurse im Naehen, Kochen, Gartenbau, Tanz, Theater, Musik. ich will die Kinder unterstuetzen und bekomme viel mehr zurueck wie ich ueberhaupt geben kann!!!
Es sind intensive, eindrueckliche und vor allem bereichernde Tage.
Ich laufe mit leichtem Herzen durch das kleine Staedtchen, seine Eigenschaften durchtraenken mich, ich sauge seine Stimmungen auf wie Honig aus einer grossen, roten Bluete.
Der Dahrtpfeil trifft die goldene Mitte.
Ich schuettel die Rolle des staendigen Betrachters ab. Die Welt umsteht mich nicht mehr nur noch, sondern zirkuliert in meinem Innern als handele es sich um mein eigenes Blut. Der Geschmack der Gesamtheit zerschmilzt auf meiner Zunge, der Duft der Abwechslung haftet auf meine Haut. Durch meine Blutbahnen saust das Leben. Schoehnheiten purzeln aus allen Ecken. Kleine Blumen wachsen sich durch Asphalt hindurch. Reich ist der, der die Kleinigkeiten zu schaetzen weiss. Man muss Dinge nicht besitzen, um sich darueber erfreuen zu koennen, das Staunen kostet nichts und ist dennoch nicht umsonst.
Ein drittes Auge scheint sich geoeffnet zu haben, dass mich auf kleine Wunder aufmerksam macht.
Der Herbst weht heiss, ein Foen nimmt die Blaetter von den Baeumen, auf dem Boden wird geknistert und getuschelt. Die harten, schneidenden Grenzen verwischen, (ich) verschmelze(en) mit dem was ist; ich stosse unsichtbare Tueren auf und frage mich bis wohin sich das Sein erstreckt? Wo endet es?

26.6.07 01:55, kommentieren