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Und jeden Augenblick....

...jeden Gluecksmoment, jede Trauerstunde, Zeiten des Zweifelns habe ich auf kleine Schiffchen geladen, denen ich nun beim schaukeln zuschaue; sie durchstreifen seichte Gewaesser und verlieren sich in der Ferne. Jede Stimmung ist doch nur ein Windhauch, der mir von Zeit zu Zeit durch die Haare faehrt, mich in diesen oder jenen Gedanken sinken laesst... Luftzuschnuerende Aengste, prickelnde Gefuehle, meeresgrundtiefe Wehmut, warme Zufriedenheit, klebende Schwere, flatternde Leichtigkeit, schneidende Einsamkeit, bedrueckende Zweisamkeit: alles nur Launen ohne Bestand, die mich zufaellig befallen und genauso unbestimmt wieder von dannen ziehen. Ich kann also niemanden auf die Frage antworten wie es mir geht, denn mir geht es "alles"...

Ich wohne nach wie vor mit meiner peruanischen Familie zusammen und nenne diesen Platz bereits schon "mein zu Hause". Den Weg zu meiner Arbeit nach Pachacamac kenne ich nun inn-und auswendig und gehe nicht mehr irgendwo auf der Strecke verloren, wie in den ersten Wochen. Habe einen Freundeskreis der ganz Lima umspannt und mich damit abgefunden, beim Reden tausend Fehler zu machen.

An Ostern bin ich mit drei Freunden nach Paracas gefahren, ein Nationalpark in der Wueste, wo wir zwei Naechte lang unter freien Himmel geschlafen haben. Tagsueber sind wir durch die Sandberge gepilgert, haben Pelikane und Pinguine bestaunt und geholfen den Strand vom Muell zu befreien, haben es uns auf der Ladeflaeche von riesigen LKWs auf blauen Muellkuebeln bequem gemacht, sind durch Palmwaelder geheizt, die blutende, untergehende Sonne im Ruecken.

 

Nun sitze ich hier in einem Park, am Ende von der Strasse wo ich wohne und all diese Erlebnisse spielen sich wie ein Film vor meinen Augen ab. Ich sehe die Kinder von Pachacamac vor mir, wie ich mit ihnen im Schlamm fussballspiele, wie wir anschliessend von oben bis unten eingedreckt im Fluss weiter toben, der pechschwarze Samir faengt Schmetterlinge in allen Farben ein...
Ich denke an die Armenviertel, die halbzerfallenen Haeuser mit ihren Bewohnern davor, auf der Strasse kochend, duenne Gestalten in zerissenen Kleidern, die Steine hin-und herwaelzen, wie Koenige der Luefte auf riesen Wagen trohnen, sich nach "Feierabend" in einer einfachen Bar zum Kartenspielen treffen, in leeren Haeusern zu schraegen Toenen tanzen. Ihre Einfachheit und rohe, herbe Art wirkt wie ein Magnet auf mich, ich umziengel sie wie ein verlassener Strassenkoeter, ungluecklich darueber nicht ihres gleichen zu sein...und gleichzeitig bin ich mir diesen unsinnigen Gefuehlen bewusst, was wuerde einer von ihnen nicht alles opfern um endlich mal ein etwas luxerioeses Leben zu fuehren. Ja, fast schon habe ich ein schlechtes Gewissen, Neid gengenueber Menschen zu empfinden, denen es viel schlechter geht als mir; mit dessen harten Leben ich es nicht einmal einen Tag lang aufnehmen wuerde...

Der aeltere Herr fuehrt gerade seine zwei weissen Hunde im Park spazieren, er gehoert zum Park wie Alice ins Wunderland, jeden Tag dreht er seine Runden...es scheint als wuerde jeder Baum aus einer anderen Abstammung hervorgehen, keiner gleicht dem anderen, sie uebertreffen sich gegenseitig in ihrer exotischen "Aufmachung". Am meisten ins Staunen versetzte mich der knochige, hochgewachsene der anstatt Blaetter zu haben, pinke Blueten traegt. 
Noch nie hab ich die krassesten Gegensaetze so nah beieinander gesehen wie hier in Lima: topmoderne Stadtviertel mit haesslichen, grauen Hochhaeusern,  Alternative mit abstrakter, unheimlich kreativ gestalteter Architektur, reiche Luxusgegenden, wo jedes Haus seinen eigenen Schutzmann besitzt, ein Gittertor an jedem Strassenrand, Gegenden die nur aus Muell bestehen, dreckige Strassen in denen sich die Hunde nachts verabreden, ruhige Parks, gigantische Plaetze vor stattlichen Gebaeuden, Schloesser, Bruecken mit buntgefaerbten Wasserspielen, Partystrassen, Restaurantviertel, Universitaeten die riesige Farmen und exotische Gaerten umfassen, Meer, Wueste, Berge, Strassenchaos, Kurorte, Maerkte, so gross wie ein ganzes Dorf, Blumenstrassen, tote Tiere, ein Haehnchen baumelt im Fenster, gigantische Werbeschilder "Coca Cola, dein Geschmack, deine Welt", Kroeten die in Glaskaefigen vor sich hinklotzen und darauf warten zu Getraenken verarbeitet zu weren, Einkaufcentren, ganze Hallen voller Ware, ein kleiner Bauchladen unter der Bruecke... 

1 Kommentar 12.4.07 20:47, kommentieren